Opa an der Biskaya
Als ich ein Jugendlicher war, hatte mein Opa große Freude daran, mir seine Erlebnisse aus dem Krieg und aus seinem Leben in der Weimarer Republik zu erzählen. Nicht, dass er gern Soldat war - im Gegenteil - für ihn, den parteilosen Bürger, war die DDR und der Sozialismus die konsequente Antwort auch auf den Weltkrieg.
Der Opa wurde 1941 mit immerhin 37 Jahren eingezogen und kam nach Frankreich. Er hatte niemals gedient, aber eine gewisse Erfahrung mit Waffen. Er war zwar Handwerker, hatte aber in den 1930ern auch eine Weile beim bewaffneten Postschutz gearbeitet, saß also mit einem Karabiner bewaffnet auf einem Geldtransporter.
Er kam zur "Festungsersatzreserveartillerie" und wurde mit seiner Einheit, eine Kompanie, an der Biskaya stationiert. Ihre Aufgabe war die Partinsanenbekämpfung.
Die Bewaffnung der Kompanie bestand aus Karabinern und einer, auf einen Pferdewagen montierten, französischen Mitrailleuse. Das war ein Maschinengewehr aus dem 1. Weltkrieg. Opa wurde "Waffenmeister", da er von allen Soldaten der einzige war, der bereits mit einem Gewehr vertraut gewesen ist. Die Einheit lag in der Nähe eines Waldes. Hinter dem kleinen Wald lagen die Partisanen. Es hat nie ein Gefecht in den gut Jahren gegeben. Man respektierte sich gegenseitig. Der Spieß oder der Kompaniechef, dass weiß ich nicht mehr genau, jedenfalls ein lebensälterer und erfahrener Soldat, sagte zu der Truppe: "Ich will aus euch keine Helden machen. Ich will, dass ihr euch im Gelände unsichtbar macht und alle wieder gesund bei Muttern heim kommt". Das war eine gefährliche Aussage damals.
Opa meinte, wenn es je zu einem Gefecht mit den französischen Partisanen gekommen wäre, hätten die Deutschen gewonnen, weil die Franzosen sich beim Anblick dieser Truppe "totgelacht" hätten, bevor sie schießen könnten.
Es ging sogar soweit, dass die Bauern respektiert wurden. Die Ansage war: wer Essen will, muss arbeiten. So kam es vor, dass deutsche Soldaten auf französischen Bauernhöfen in der Umgebung Heu machten oder Getreide droschen und im Gegenzug von den Bäuerinnen Wein und Rührei bekamen. Sie hätten die Lebensmittel auch gegen "Requirierungsscheine" beschlagnahmen können und die Bauern hätten diese Scheine auf der Kommandantur in Geld tauschen können. Das war aber nur sehr theoretisch. Es wurde auch niemals geplündert. Der Kompaniechef sagte, wenn einer seiner Leute bei den Franzosen plündert, wird er bestraft.
Das ist der Opa so Anfang der 1930er Jahre.
Natürlich erlebte der Opa auch Kämpfe. Dunkel erinnere ich mich an Erzählungen, wie auch seine Einheit 1944 mit der Eisenbahn in Frankreich. Einmal wurden sie von amerikanischen "Stukas" (Sturzkampfbombern) angegriffen. Der Zug bremste und man versuchte unter den Waggons Schutz vor den verheerenden Maschinengewehrsalven zu finden. Er sah einen Kradmelder, den er kannte, der regelrecht auf seinem Motorrad zerfetzt wurde. Am Tag vor der Invasion hatte er ein "Schlüsselerlebnis". Die Einheit lag in einer Heidelandschaft und am frühen Morgen flogen Flugzeuge über sie und waren etwas ab, was glitzerte. Sie hatten keine Erklärung, was das war. Ein paar Stunden später stand alles in Flammen. Die Amerikaner hatten Quecksilberplättchen abgeworfen, die sich entzündeten, als die helle Sonne darauf schien. Viele seiner Kameraden sind nicht lebend aus dem Flammenmeer herausgekommen.
Der Opa geriet kurz nach der Invasion in englische Kriegsgefangenschaft. In dieser war er bis Ende 1945. Er erzählte öfter mit einem furchtbaren Groll auf die Engländer, dass sie das deutsche Reglement in den Zelten der Kriegsgefangenen duldeten, sogar förderten. Also die Offiziere durften die "blanke" Waffe tragen, es musste untereinander militärisch gegrüßt werden und alte Schikanen, wie sie in der Wehrmacht und schon zuvor in der kaiserlichen Armee gab, wurden fortgesetzt. An ihn traute sich keiner ran, da er wegen seiner 40 Jahre eine gewisse Autorität genoss. Er hasste die Engländer dafür, dass sie, die Kriegsgefangenen, im sehr warmen Sommer 1945 großen Durst hatten, nicht genug zu trinken bekamen, während die englischen Bewacher mit Feuerwehrschläuchen Wasserschlachten veranstalteten.