Der Feldherr und der Kampfkommandant

Das wunderbare an meinem Beruf ist, dass man viel für Menschen tun kann und es viele Menschen gibt, die das würdigen, wo sich sogar Freundschaften entwickeln können. Mit zwei solchen Menschen hatte ich es in Templin, einem Betriebshof der Uckermärkischen Verkehrsgesellschaft zu tun. Rene und Arni, zwei herzliche Busfahrer damals um die 50 Jahre alt. Die stellten sich mir im Sommer 2014 mit den Hacken knallend als "Feldwebel Kahlberg*) und Stabsgefreiter Liesing*)" vor.  Wir hatten sofort einen Draht zueinander. Während des Arbeitskampfes sah mein Tag etwa so aus: 

  • 02:00 Nachts aufstehen, fertigmachen für die erste Fahrt zu einem der 44 bestreikten Betriebshöfe, um zu 03.30 dort zu sein. 
  • bis etwa 16.00 Uhr mit Dutzenden Streikenden reden, Sachstände erklären, Mut machen
  • den ganzen Tag viele Presseinterviews geben, Fernsehkameras, O-Töne für Rundfunk Berlin Brandenburg, DPA und zahlreiche regionale Radiosender, manchmal Fernsehstudios in Potsdam für Live-Auftritte
  • ca. 21.00 Uhr zu Hause und an dem Tag 150 Telefonate mit meinem Handy geführt. Ein Drittel mit Streikenden, ein Drittel mit Medienvertretern und ein Drittel mit vom Streik betroffenen Bürgern, die mich anriefen, weil sie wissen wollten, ob morgen der Bus sowieso von Kleinsiehstenich nach Dunkelhausen fährt, weil doch die 82jährige Gattin einen Arzttermin hatte. Manchmal rief auch ein Handwerksmeister an, der sich bedanken wollte, weil seine Arbeiter immer zu spät kamen und wenn er etwas zu sagen hätte, wir alle erschossen werden würden...
  • nach etlichen Zigaretten (mein täglicher Konsum lag in diesen Wochen bei über 2 Schachteln) und einem guten Cognac (damals trank ich gern Hennessy oder Napoleon X.O.) gegen 23 Uhr ins Bett gefallen und irgendwie noch immer die Probleme des Vortages gewälzt

 

Es war eine schöne, aber sehr anstrengende Zeit. Bei einem Telefonat mit Rene Kahlberg sagte ich nur so flapsig: "ich muss jetzt aufhören und wieder auf meinen Feldherrnhügel klettern und gucken, ob alles im Land läuft." Da hatte ich meinen Spitznamen bei Rene und Arni weg: Sie nannten mich nur noch "mein Feldherr" und Arni tut das heute noch, wenn wir 10 Jahre später manchmal telefonieren. Weil die beiden ihren kleinen Betriebshof mit etwas über 20 Bussen in Templin voll streikfähig hielten, revanchierte ich mich und beförderte beide "für Tapferkeit vor dem Feind" Wenn wir irgendwo gemeinsam auftraten, stellte ich die beiden immer vor als "das ist Rene Kahlberg, Oberleutnant der Infanterie und Kampfkommandant der Festung Templin und sein Adjutant, Stabsfeldwebel Arni Liesing". Beide waren Gewerkschafter aus Leidenschaft und genauso Busfahrer aus Leidenschaft und Betriebsräte mit ganzem Herzen und wir hatten trotzdem so viel Spaß miteinander. 

Zu meinem 50. Geburtstag lud ich beide ein, obwohl es eine große Familienfeier war. Sie schenkten mir ein schönes Buch, die Biographie des tschechischen Präsidenten Vaclav Havel. Weil ich in den Jahren zuvor auch unter Gewerkschaftsfunktionären und durch meinen eigenen Arbeitgeber schlimmen Verrat und den Versuch, mich physisch und psychisch zu zerstören, erlebt hatte, herzkrank war, schrieben die beiden mir eine wundervolle Widmung in das Buch. 

 

Der plötzliche Tod durch schwere Krankheit von René im Sommer 2024 mit gerade 60 Jahren ging mir sehr nahe. Bei seiner Beerdigung in Templin waren mehr als 150 Menschen, viele Freunde und Kollegen, auch solche, die längst in Rente waren.

*) die Namen sind leicht verändert