Der Vizepräsident
Wir hatten gegenseitige Spitznamen. Ivo nannte mich "Kombinatsdirektor" und ich ihn "Kollege Vizepräsident". Wir waren in der Rolle als Bezirksgeschäftsführer und stellvertretender Bezirksgeschäftsführer ein tolles Gespann. Haben sieben Jahre lang voneinander gelernt, miteinander gelacht, gemeinsam gekämpft. Ohne Ivo wäre ich wahrscheinlich nie Geschäftsführer geworden. Als ich den Entschluss gefasst hatte, als Geschäftsführer zu kandidieren, wusste ich, ich brauche Verbündete in Potsdam, denn ich brauche Stimmen von Menschen, die ich nicht kannte und die mich nicht kannten. Ivo war ein Verfechter des Prinzips, in ver.di entscheiden die ehrenamtlichen Funktionäre und nicht die Hauptamtlichen - er war selbst einmal Funktionär, bevor er Gewerkschaftssekretär wurde. Daher hielt er wenig von "Beeinflussung" und machte mir kaum Hoffnung, dass er mir eine Hilfe sein könnte. Ich bat ihn um 20 Minuten Zeit, die wir auf der Treppe im Atrium der ver.di-Bundesverwaltung saßen. Ich erzählte, was ich politisch will und wie ich es mir vorstelle und gab Einblicke in mein Leben und meinen bisherigen Job. Ich wollte ihn auch überzeugen, als Vize-Geschäftsführer zu kandidieren. Aus den 20 Minuten waren etwa drei Stunden geworden und er sagte zur Verabschiedung: "...dann versuchen wir es so." Wenige Tage später wurde ich in geheimer Abstimmung bei einer Gegenkandidatur mit 75 Prozent gewählt.
Es gibt wenig Menschen, denen man voll vertrauen kann. Ivo und ich, wir vertrauten uns vollständig. Ich war ein paar Monate nicht mehr Geschäftsführer, da erlag er einem plötzlichen Schlaganfall und im Krankenhaus in Folge weitere und wurde ins Wachkoma gelegt. Im Februar 2015 starb er, noch nicht einmal 60 Jahre alt. "Verdammte Knochenmühle" habe ich verflucht beim Gedanken an den harten Job als Gewerkschafter.
Ich hatte noch niemals eine Beerdigung erlebt, bei der mehr Menschen anwesend waren. Es waren ein paar Hundert. Hauptamtliche Kollegen aus der Gewerkschaft, viele Gewerkschaftsmitglieder, die ihn teilweise 20 und mehr Jahre kannten, selbst der Bürgermeister der Landeshauptstadt Potsdam, Burkhard Exner kam mit einem Kranz, Landtagsabgeordnete und was mich auch sehr beeindruckte war - vom "Gegner" - dem Kommunalen Arbeitgeberverband Brandenburg gaben der Geschäftsführer Klapproth und weitere Persönlichkeiten ihm die letzte Ehre. Ich denk heute noch an ihn, er war Kollege und Freund.