"Der Trick"

Was die BILD am 29. April 2015 als gelungenen Coup der Gewerkschaft feiert hatte am Abend vorher eine dramatische Vorgeschichte. Die Streikstrategie sah vor, den Ring der bestreikten Betriebe von Nord/Nordost langsam um Berlin in Richtung BUGA nach Brandenburg zuzuziehen. Jeden Tag sollten also weitere Betriebe "zugeschaltet", der Druck vergrößert werden. Diese Strategie hatte ichg mit der Tarifkommission erarbeitet. Hier waren die Busfahrer René Kahlberg*) aus Templin und Jürgen Weimar*) aus Strausberg besonders hilfreich. Wir begannen am Montag, dem 27. April mit der Uckermärkischen Verkehrsgesellschaft und der Ostprignitz-Ruppiner Personenverkehrsgesellschaft. Am Dienstag sollten die Barnimer Busgesellschaft, die Busverkehr Märkisch-Oderland und die Busverkehr Oder-Spree sowie die Stadtverkehrsgesellschaft Frankfurt Oder zugeschaltet werden. 

Am Abend des 27. April war ich noch in Templin, als mich die schreckliche Nachricht ereilte, dass der Betriebsleiter, ein ehemaliger Gewerkschaftsfunktionär, angewiesen hatte alle Busse auf dem umzäunten und von Hunden bewachten Grundstückstück eines Subunternehmers zu parken und die Straßenbahnen in der Stadt abzustellen. Sie planten einen gewaltigen Streikbruch. Die Führungskräfte sollten die Fahrzeuge fahren und es wurden etliche Kollegen aus Polen als Streikbrecher angeheuert und bereits an der Erdgastankstelle unterwiesen. 

Dank einiger sehr kluger Köpfe unter den gewerkschaftlich organisierten Bus- und Straßenbahnfahrern in Frankfurt änderten wir den Plan. Wir ließen alle im Glauben, am Dienstag um 03.30 Uhr beginnt der Streik. Die Kollegen aber schicken wir zu ihren Fahrzeugen. Sie haben dann ein vorrangiges Recht, ihre Fahrzeuge zu fahren. Der Betrieb hat schon mal erhebliche Zusatzkosten für die angeheuerten Streikbrecher. Als dann ab kurz nach 05 Uhr morgens die Medien bei mir anriefen, warum denn die Busse und Straßenbahnen fuhren, erklärte ich ihnen, dass wir den Streik "auf einen späteren Zeitpunkt verschoben haben, weil die Arbeitgeber einen gewaltigen Streikbruch planten". Ich habe das so formuliert, dass alle glaubten, der "spätere Zeitpunkt" sein in ein paar Tagen und nicht bereits um 15.00 Uhr! 

Derweil saßen einige Gewerkschafter mit mir in dem Privathaus des Busfahrers Karsten Jobst*) in einem Vorort und telefonierten die Liste mit allen im Dienst befindlichen Bus- und Straßenbahnfahrern ab. Die Nummern hatten wir aus der Leitstelle besorgt. Es gab eine klare Anweisung: "Wenn ihr gegen 14.30 an einer Endhaltestelle angekommen seid und alle Fahrgäste ausgestiegen sind, wechselt ihr das Schild auf "Betriebsfahrt" und kommt zum Betriebshof." Ab 14.45 versammelten wir uns vor dem Betriebshof. Es war eine unglaubliche Freude zu sehen, wie ein Bus nach dem anderen und eine Straßenbahn nach der anderen als "Betriebsfahrt" deklariert in den Hof fuhr. Über 20 Busse und etwa 20 Straßenbahnen kamen reingefahren. Der unbefristete Streik hatte um 15.00 Uhr begonnen. Der Betriebsleiter, der selbst einmal Mitglied der gewerkschaftlichen Tarifkommission war, guckte ziemlich blöd, versuchte aber souverän zu wirken, was ihm nicht besonders gelang. Die Freude war auf unserer Seite. Mit Pfiffigkeit und dem Herz am rechten Fleck haben die Arbeitnehmer über ihre Führung gesiegt.

 

*) die Namen sind wieder verändert, aber es gab sie mit sehr ähnlich klingenden Namen

Lieutenant Commander Worf

Die Frankfurter waren sowieso toll. Da gab und gibt es ein paar richtig kreative Kollegen unter den Fahrern. Einer hatte eine etwas künstlerische Ader, trat auch nebenbei im Theater auf und verfasste diesen Brief an den Geschäftsführer und als Fahrgastinformation, die ein pasar Tage vor dem Streik in alle Fahrzeuge gelegt wurde. Der Geschäftsführer hieß Wolfgang Worf und war eigentlich ein feiner Kerl. Wegen der Namensgleichheit in der Serie "Star Treck" nannten die Fahrer ihren Chef liebevoll "Lieutenant Commander Worf". Sie haben sehr eindrucksvoll beschrieben, was einen schlecht bezahlten Bus- und Straßenbahnfahrer bewegt, der seinen Job mit Leidenschaft macht.