Kaffeetrinken mit Mutti & Opa
Mutti & Opa in unserer Wohnung in der Binzstraße 64. Das muss so zweite Hälfte der 1970er Jahre gewesen sein.
In die Kaufhalle
Als ich 13 Jahre alt war begann ich Mutti und Opa regelmäßig am "langen Donnerstag" zu besuchen. Meistens nahm ich unseren Schäferhund Robby mit, so hatte dieser gleich seinen insgesamt etwa vierzigminütigen Spaziergang. Ich ging mit dem Opa in der Kaufhalle einkaufen, half ihm beim Tragen und weil die Augen nicht mehr funktionierten.
Es war faszinierend, wie viel ein Mensch, der schlecht sehen konnte, mit den Händen ertasten kann und anhand von Standorten von Produkten zielsicher im Regal finden kann. Wenn er etwas ganz dich, so 2 Zentimeter vor die Brill hielt, konnte er sogar Schrift auf dem Etikett lesen. Einmal staunte ich, dass er ein 5-Kilo-Netz Kartoffeln kaufte und sie, statt in die Wohnung, mit mir in den Keller trug. Dort schüttete er sie in eine Kartoffelkiste und nahm "alte" Kartoffeln mit in die Wohnung. Das kannte meine Generation schon zu dieser Zeit gar nicht mehr, dass man Kartoffeln einkellerte.
"Bümchen-Kaffee"
Wir saßen dann zu dritt am Küchentisch und es gab Kaffee und Kuchen. Das war früher so, dass sich Essen in der Küche abspielte und man nur dann ins Wohnzimmer ging, wenn mehrere Gäste da waren. Die alten Leute, die den Krieg und die Jahre der Not miterlebten, waren sehr sparsame Menschen. Morgens gab es bei den beiden frisch gebrühten Kaffee, weil man ja wach werden wollte. Der Kaffeegrund in der Kanne wurde dann für den Nachmittag weggestellt. Da kam dann auf eine etwa 6 Tassen fassende Kanne noch 2 Teelöffel frisches Kaffeepulver drauf und dann wurde alles aufgegossen. Die Mutti sagte: "am Nachmittag braucht den Kaffee nur, damit der Kuchen besser rutscht, der muss also nicht so stark sein". Das haben sie natürlich nie bei Geburtstagsfeiern gemacht. Da gab es immer "guten Kaffee". Da die beiden auch als Rentner Verwandte in Westberlin jedes Jahr besuchten (Onkel Fritz und Tante Frieda) und ihre 30 Ostmark in 30 DM tauschen durften, brachten sie jedes Mal 2 Päckchen Westkaffee mit. Der wurde dann sehr sparsam eingeteilt.
Kochen und Backen war eine große Stärke der Mutti. Sie konnte nicht nur allerlei Rührkuchen, sondern auch Cremetorten und Frankfurter Kranz machen. Kochen konnte sie auch sehr gut. Ich erinnere mich, dass es Freitags immer Fisch gab, in der Regel gebraten. Sie konnte aus Butter, Mehl, Wasser und ein paar Gewürzen schnell eine sehr leckere Soße zaubern.