Der Schlaganfall

Mutti & Opa haben in den 1960er Jahren einen Enkel großgezogen, wie ihr eigenes Kind, weil der leibliche Vater in Westberlin lebte und der Stiefvater ihn nicht mochte. Besonders die Mutti hatte ihn verwöhnt. Vielleicht hatte das auch damit zu tun, dass sie zwar zwei Töchter hatte, aber das mittlere Kind, ein Junge, im Säuglingsalter zu Beginn des Krieges gestorben war. Dieser Enkel danke es ihr nicht nur gut. Ich war im 2. Lehrjahr und gerade in der Fabrik in der Sophienstraße, als mich ein Anruf meines Vaters erreichte, dass die Mutti einen Schlaganfall erlitten hatte. Die Eltern waren bei ihr und ich kam schnellstmöglich in die Wohnung in der Willi-Bredel-Straße (heute wieder Schievelbeiner Straße). Dort saß die Mutti in ihrem Sessel, leichenblass, total eingefallen, schaukelte mit dem Oberkörper und lallte. Eine Gesichtshälfte war gelähmt. Der Opa saß an seinem Zeitungslesetisch und hatte Tränen in den Augen und schüttelte immer wieder den Kopf. Was war passiert? Die Mutti hatte ihr "Sterbegeld", welches sie viele Jahre von der schmalen Rente gespart hatte, in den Saum der Gardine im Bad eingenäht. Dieser Enkel, der ein Lotterleben führte und noch als erwachsener gewohnt war, alles von der Oma zu bekommen und auch geborgtes frecherweise nie zurückzugeben, hatte nach dem Geld gesucht, es gefunden, den Saum aufgemacht und die 6.000 Mark gestohlen. Das war damals ein kleines Vermögen. Beide zusammen hatten keine 600 Mark Rente, die so genannte "Mindestrente". Man kann sich vorstellen, wie viele Jahre man für eine solche Summe sparen muss. Als sie den Diebstahl bemerkte, bekam sie einen Schlaganfall.

Es war so ungerecht. Diese gütige, kinderliebe Frau, wurde von einem missratenen Menschen derart bestohlen. Es war so traurig zu erleben, wie sie fast 1 Jahr brauchte, bis sie wieder einigermaßen flüssig sprechen konnte. Wie oft wollte sie etwas erzählen, dann stockte sie im Satz und begann zu weinen, weil ein bestimmtes Wort nicht über ihre Lippen kamen. Der Opa hat diese Tat dem Enkel nie verziehen. Ich weiß noch, wie er im Frühjahr 1986 aus dem Keller ein kleines Beil hochholte und hinter die Korridortür stellte. Er hatte eine Andeutung gemacht, diesem Enkel mit Gewalt den Zugang zur Wohnung zu verwehren, wenn er noch einmal kommen würde. Einmal nur in all den Jahren habe ich den Opa richtig böse erlebt. Da ging es um diesen Enkel. In einem sehr hitzigen Gespräch, wie man zu dem stehen sollte, schlug er mit der Hand auf den Küchentisch, dass der Kaffee aus den Tassen schwappte. Ich konnte ihn gut verstehen. Auch wenn sich die Mutti wieder erholte, wurde sie natürlich nie wieder genau so, wie sie einmal war. Ich denke, auch ihr früher Tode vor ihrem 80. Geburtstag hatte viel mit diesem Schlaganfall 1 1/2 Jahr vorher zu tun. 

Karma?

Wenn es wirklich so etwas wie Karma gibt, hat es diesen Enkel "aufgesucht". Er wurde in den 1990er Jahren im Hausflur seiner Wohnung überfallen und auf den Kopf geschlagen, wodurch er eine schwere Gehirnschädigung erlitt. Mit Mitte 30 war er praktisch ein Pflegefall, auch wenn er noch selbstständig (als Rentner) leben konnte. Ich glaube 2022, also mit um 50 Jahre starb er.