Die Mutter allein im Krieg

Der Vater ("Opa") war also im Krieg. Da musste die "Mutti" allein auch mit den beiden Mädchen klarkommen. Das war ein hartes Leben. Nach der Arbeit am Tag, saß die Mutti auf der Treppe im Hausflur und nähte bei dem spärlichen Licht Kleider für die Puppen der Töchter. Berlin wurde schon vereinzelt ab 1940 bombardiert. Die sogenannte „Battle of Berlin“ begann ab November 1943 regelmäßig mit Luftangriffen. Die RAF flog zahlreiche schwere Nachtangriffe. In dieser Zeit stand im Korridor immer ein kleiner Koffer mit den wichtigsten Dokumenten und etwas Kleidung und ein paar Esssachen. Wenn Luftalarm war, schnappte sie schnell ihre beiden Kinder, den Koffer und stiegt in den Hauskeller hinab. Wir können uns das tägliche Grauen überhaupt nicht vorstellen, wenn ständig diese furchterregenden Sirenen heulen und wenn man die Bombeneinschläge hört und das Schießen der Flak. Die nächste Flak stand im Humboldthain und der Bunker ist bis heute noch vorhanden. Das Schießen der Flak hörte sich an, als wenn eine schwere Stahlkugel die Kopfsteinpflasterstraße entlangrumpelte.

Als ich am 24. Februar 2022 zu meiner Mutter fuhr und auch sie im Fernsehen die russische Invasion auf die Ukraine verfolgte und auch dort die Luftalarmsirenen heulten, sagte sie, es erinnert sie an ihre Kindheit im Krieg.

Gegen Ende des Krieges, als auch in der Schönhauser Allee Straßenkämpfe waren, starben viele Soldaten. Man setzte die toten Russen an die Pfeiler des U-Bahnviaduktes und die Leute kamen um den Toten die Stiefel auszuziehen. Von diesen Bildern hatte meine Oma und auch meine Mutter immer erzählt.

"Du Frau...ich gaben Eier und Schinken..."

Die russischen Soldaten, die uns Deutsche von Faschismus befreit haben, der in ihren Ländern so grauenhafte Verbrechen begangen hat, haben auch furchtbare Verbrechen an der deutschen Bevölkerung begangen. Die "Mutti" hatte das große Glück, nicht vergewaltigt worden zu sein. An zwei Erzählungen kann ich mich gut erinnern. Bei einem "Spaziergang" kurz nach Kriegsende, begegnete ihr in einer Laubenkolonie ein sowjetischer Offizier, der entsprechende Avancen machte. Mit dem Hinweis auf die beiden kleinen Mädchen konnte sie ihn "abschütteln". Augenblicke später begegnete ihr eine Militärstreife der Rotarmisten, denen sie das erzählte. Was dann passierte, hat sie nur vermuten können. Etwa 1 - 2 Minuten später um die Ecke in der Laubenkolonie hörte sie ein kurze Maschinenpistolensalve. Wahrscheinlich hat die Streife den Offizier sofort erschossen.

Ein anderes Mal kam ein Offizier an die Wohnungstür und meinte, er würde ihr Wurst und Schinken und Eier geben, wenn sie ihn hereinlassen würde. Die Mutti wiegelte mit dem Hinweis auf die kleinen Mädchen erfolgreich ab und sagte, eine Treppe tiefer wohnt eine Frau allein. Dort ging der Offizier hin. Die Mutti wusste, dass die Frau eben nicht allein war, sondern eine Feier stattfand und sich eine Reihe kräftiger Männer, wohl deren Brüder und ein Onkel in der Wohnung befanden. Es wurde sehr laut im Treppenhaus und es hörte sich wie eine Handgreiflichkeit  an. Vermutlich haben die Männer dem Offizier "erklärt", dass er an der falschen Tür geklingelt hat.

Mutti und Opa wohnten damals in der Schönhauser Allee 125. Sie besaß einen Trommelrevolver von ihrem Mann, den der wiederum von seinem Vater geerbt hatte. Der Vater war im Kaiserreich Milchkutscher und hatte diesen kleinen Trommelrevolver, um sich gegen nächtliche Überfälle auf seinen Pferdewagen wehren zu können. Wenn die Russen bei jemandem einen Waffen gefunden hätten, hätten sie kurzen Prozess gemacht. Deshalb wickelte Mutti den Revolver in Ölpapier ein, legte ihn in ein Holzkästchen und vergrub in einem der Rasenflächen auf dem Hof. Es gab zwei Rasenflächen. Die andere war bereits ein Massengrab gewesen.

In den 1980ern schaffte ich es, mir Zugang zu dem Wohnhaus zu verschaffen mit einem Freund. Die Tordurchfahrt zum Hof war aber verschlossen und es hätte uns ein Hausbewohner öffnen müssen. Wir klingelten auch bei jemandem und eine ältere Frau konnten wir nicht davon überzeugen. Natürlich sagten wir nicht, dass wir nach einer vor